Programm

 

Donnerstag, 20. September

20:00 Uhr

Begrüßungsempfang

Von Männerängsten und Frauenwünschen - Geschlechterspannungen in der Moderne

Ute Frevert

In einem weiten historischen Bogen, der um 1800 anfängt und in der Gegenwart endet, verfolgt der Vortrag die spannungsreiche Bewegung, die das Verhältnis der Geschlechter in der Epoche der Moderne kennzeichnet. Nun ist die Moderne per se eine bewegte Zeit; die Auf- und Umbrüche in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern sind vor diesem Hintergrund nichts Besonderes. Aber auf kaum einem anderen Gebiet hat sich der Konflikt zwischen Bewegung und Beharrung, zwischen Fortschreiten und Tradition, zwischen dem, was sich (viele) Frauen wünschen, und dem, wovor sich (viele) Männer ängstigen, so scharf konturiert und zugespitzt. Die anfangs zaghaften Versuche weniger Frauen, solchen Wünschen Gehör zu verschaffen, riefen lautstarke Gegenwehr hervor. Männer, die von den ökonomischen und politischen Innovationen der modernen Zeit am frühesten und stärksten betroffen waren, wollten das Verhältnis der Geschlechter von solchen Innovationen möglichst freihalten – und reagierten auf anderslautende Willensbekundungen wenig konziliant. Hat sich dieses Verhaltensmuster im Verlauf des 20. Jahrhunderts tatsächlich geändert? Oder ist der Konflikt auch heute noch virulent?

Foyer

im Anschluss daran

Sektempfang

Wir bitten um vorherige Anmeldung

 

Freitag, 21. September

Inselhalle
Saal 1 Europa
Moderation: Ingrid Moeslein-Teising

09:15 Uhr

Begrüßung

Ingrid Moeslein-Teising

09:30 – 10:30 Uhr

(Un)doing Gender in Psychoanalyse und Psychotherapie

Ilka Quindeau

Wieder einmal ist das Recht der Wissenschaft voraus. Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Frage der Intersexualität vom Oktober 2017 wurde der dichotomen Zweigeschlechtlichkeit nun auch höchstrichterlich eine Absage erteilt. In der Psychoanalyse wird das binäre Geschlecht dagegen häufig noch als Selbstverständlichkeit betrachtet sowohl im therapeutischen Prozess als auch in der Theoriebildung. Das steht in einiger Spannung zur Diversifizierung geschlechtlicher Identitäten, wie sie etwa in sozialen Netzwerken zu finden sind.
Doch bietet das Konzept des Unbewussten eine einzigartige Möglichkeit, Sexualität, Körper und Geschlecht auf eine nicht-essentialistische Weise zusammenzudenken. Im Verlauf einer Lebensgeschichte werden dem Körper Sexualität und Geschlecht eingeschrieben. Die Metaphern der Einschreibung, von Spur und Umschrift, nehmen dabei zentrale Bedeutung ein; sie verdeutlichen, dass weder Geschlecht noch Begehren angeboren sind und einem genetischen Programm folgen. Die Zweigeschlechtlichkeit entstammt vielmehr einer gesellschaftlichen Übereinkunft, die die Entwicklung einer eindeutigen Geschlechtsidentität fordert. Die Perspektive des Unbewussten geht hingegen von vielfältigen geschlechtlichen Identifizierungen und Begehrensformen aus, die nicht autonom gewählt werden können, sondern sich in sozialen Interaktionen bilden.

10:30 – 11:00 Uhr

Pause

11:00 – 12:00 Uhr

Gender und psychische Gesundheit – Bedeutung für die psychotherapeutische Praxis

Manfred Beutel

Art und Ausmaß psychischer Störungen, Gesundheitsverhalten und die Inanspruchnahme von Psychotherapie unterscheiden sich ebenso wie therapeutische Verhaltensweisen zwischen Frauen und Männern. Der Beitrag soll die Bedeutung von Gender an Hand von empirischen Befunden zu Geschlechtsrollen und -identität erkunden und Ansätze zur geschlechtssensitiven Betrachtung von psychischer Gesundheit von Männern und Frauen vorstellen. Beispielhaft wird die GESA (Gender Sensitive Analyses of Mental Health) Studie herangezogen, in der wir mit Förderung des BMBF an über 40.000 Personen aus unterschiedlichen Kohorten und Regionen in Deutschland untersuchen, wie Genderkonzepte zum Verständnis dieser Unterschiede beitragen. Implikationen der Analysen von Lebenslagen und Entwicklungsbedingungen von Frauen und Männern für die psychotherapeutische Praxis werden diskutiert.

12:00 – 13:00 Uhr

Disgust in the eye of the other: Distortions of psychosexuality through normal affect mirroring, and working with the varieties of sexuality

Mary Target

Psychoanalytic theory, with its move away from drive theory to object-relations, lacks a consistent model of the power of psychosexuality in adult life (including in analysis). It is proposed that in infancy drive tension, frustration and seeking may be erotized by the caregiver; while actual sexual excitement may remain unmirrored and uncontained. This would produce a psychosexual core which is unstable, elusive and never felt to be really owned. In sexual acts we can project and identify with our own sexuality, felt to belong to the other, yet allowing more successful reinternalization and gradual integration. The relief at being able to relate to troubling aspects of the self, via the other, creates a deep attachment bond, although sexual excitement may fade as self-integration becomes more secure. The technical challenges of working on sexuality in long-term, relationship-focused psychotherapy with an implicit parental model are briefly considered. Consideration is then given to how we may think about gender identity and sexual orientation, and how many of the presentations of issues in these areas seem to reach back to a feeling of mirrored disgust and repudiation, which feels irresolvable.

 

Samstag, 22. September

Inselhalle
Saal 1 Europa
Moderation: Rupert Martin

09:30 – 10:30 Uhr

Medea-Fantasie und Geschlechterspannung

Marianne Leuzinger-Bohleber

In Zeiten des „Pluralismus der Psychoanalyse als Wissenschaft und klinische Behandlungsmethode“ stehen verschiedene Konzepte von unbewußten Phantasien oft in klinischen und theoretischen Diskussionen unverbunden nebeneinander, wie in der Einleitung dieses Vortrags skizziert wird. Anhand der  „Medea-Phantasie“ wird die Aktualität eines dialektischen Verständnisses unbewußter Phantasien bezüglich ihrer Genese, aber auch in ihrer oft kaum erkannten Auswirkungen auf Spannungen zwischen den Geschlechtern diskutiert. Darauf wird anhand eines klinischen Fallbeispiels die Macht früher Körperphantasien und von „embodied memories“ an traumatogene frühe Objektbeziehungen auf Sexualität und Elternschaft illustriert. In einem weiteren Teil des Vortrags wird ausgeführt, dass gerade der Mythos der wohl berühmtesten Geflüchteten der Antike, von Medea, einige kulturbedingte Spannungen zwischen den Geschlechtern erhellen mag, die im Zusammenhang mit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ eine hohe Brisanz erhalten haben.

10:30 – 11:00 Uhr

Pause

11:00 – 12:00 Uhr

The Missing Father in Contemporary Psychoanalytic Theory and Technique.

Michael J. Diamond

This paper aims to restore the father and paternal function to their rightful place alongside the mother and maternity in order to counter the prevailing matricentric, dyadic bias in psychoanalytic theory and technique. I contend that both the symbolic and the actual, flesh-and-blood father are necessary to optimize his child’s development. As an embodied other, the actual father, both as a separating agent and an attracting object, is called upon to recognize his child’s otherness throughout the inescapable father–child rivalries, neglect, and desires. The paternal function inevitably operates in a triadic matrix; thirdness is always psychically in existence—with the father ever present in the mother’s unconscious mind—and the paternal third is necessary to open up symbolic space. Consequently, recovering the “missing” paternal function is vital as a separating element in the analytic dyad. Effective technique requires the analyst’s balanced interplay between the paternal, investigative and the maternal, maximally receptive modes of functioning. The good enough analytic couple within the analyst thereby serves as the separating element that fertilizes the capacity for intimacy with a differentiated other. A clinical example illustrates how treatment is limited when the paternal function is minimized within more collusive, unconsciously symbiotic dyads.

12:00 – 13:00 Uhr

Wir wären so gerne eindeutig
Geschlechterspannung oder über die Schwierigkeit mit unseren bisexuellen Identifizierungen

Elisabeth Imhorst

Geschlechtsidentität ist ein notwendig fragiles innerpsychisches und soziales Konstrukt, etwas Fluides, das wir theoretisch und praktisch gerne vereindeutigen, je uneindeutiger es daherkommt. Denn dadurch, dass inzwischen in der sexuellen Lebenspraxis fast „alles“ geht und in der Geschlechtsidentität so viel lebbar geworden ist, öffnet sich nicht nur ein befreiender Möglichkeitsraum, sondern auch ein Angst-Raum. Die Aufweichung von lange Zeit tragenden Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit impliziert die Gefahr einer Labilisierung der eigenen, oft mühsam erreichten Identität. Und es scheint, als trügen uns die vertrauten psychoanalytischen Konzepte nicht mehr. Sich dessen bewusst zu sein, kann uns helfen, wenn wir unsere Patienten, wenn wir Eltern und Erzieher und wenn wir einige gesellschaftliche Entwicklungen verstehen wollen.
Zwei Beispiele:
Seit die Geschlechtsrollen aufgeweicht sind, gibt es fast nur noch rosa und blaue Farben bei Kleidung und Spielzeug.
Seit klar ist, dass sich viele Menschen hinsichtlich ihrer Geschlechtlichkeit „dazwischen“ fühlen, d. h. zwischen dem gewussten und dem „gefühlten“ Geschlecht, wird mehr denn je versucht, Männlichkeit und Weiblichkeit genauer zu bestimmen.
Geschlecht ist eine so fundamentale Orientierungsmarke, dass wir nur schwer auf sie verzichten können – in unserem Innern und im sozialen Miteinander (warum sonst wird bei homosexuellen Paaren immer gemutmaßt, wer den weiblichen und wer den männlichen Part hat). Im Extremfall erklären wir die, die wir nicht einordnen können, als krank. Aber vielleicht sind gerade sie diejenigen, die eine Fähigkeit zur Unschärfe-Toleranz und eine Fähigkeit zum Dissens (Plänkers 2014) haben, über die wir anderen, die wir nicht queer denken, nicht verfügen? (Maggie Nelson 2017) Vielleicht müssen wir unsere psychoanalytischen Theorien „nur“ anders denken, querdenken oder sie zumindest ernstnehmen.
Freuds konstitutionelle Bisexualität ernst nehmend hat Reiche (1990) auf die jedem Menschen innewohnende Geschlechterspannung hingewiesen. Er wurde des Biologismus geziehen und ansonsten überhört. Bisexualität meint jedoch nicht nur die mögliche Wahl beider Geschlechter als sexuelle Partner oder die gelebte sequentielle Hetero- und Homosexualität (Margret Hauch), sondern ebenso die mehr oder weniger starke doppelgeschlechtliche Identifizierung in jedem von uns, die eine nicht aufhebbare innere Spannung erzeugt, psychisch und körperlich, und die eine Arbeitsanforderung ans Ich zur Folge hat.
Ich werde die Geschlechterspannung im Kontext der Verarbeitung der Erkenntnis des Geschlechtsunterschiedes erörtern und deren Auswirkungen auf den Ausgang des Ödipuskomplexes (die Art der Partnerwahl) diskutieren, (Imhorst 2015, 2017), ehe ich zum Stellenwert der Adoleszenz für die Entwicklung einer Geschlechtsidentität komme.
Anhand der Geschichten einiger meiner Patient*innen möchte ich skizzieren, wie Menschen mit dieser psychischen Arbeitsanforderung, die Geschlechterspannung in sich immer wieder auszubalancieren, zurechtkommen oder auch nicht und wie sie es schaffen, eine ihnen seelisch und sozial mögliche Lebenspraxis zu finden oder auch nicht. Das beginnt im Kindergarten und endet oft nicht im hohen Alter. Vorstellen möchte ich den Jungen, der sich mit Rückendeckung des Vaters mit Rock in den Kindergarten traute, bis in die Grundschule hinein Mädchenkleidung trug und sich dann entschied, als Junge zu leben; den Jungen, dessen Familie seine „mädchenhaften“ Verhaltensweisen stets aggressiv abwertete, der schließlich als Jugendlicher immer wieder über Nacht wegblieb, bis er in der Trans*-Szene Anschluss fand und 16jährig mit einem ebenfalls trans-identen Mädchen seine Kleidung tauschte, um „als Mädchen“ wieder bei seiner Familie aufzutauchen und sie ihr als seinen „Freund“ vorzustellen; die fast 80jährige Frau, die ihre Personenstandsänderung wieder rückgängig machte, die aber ohne ihre Brust keine Partnerin mehr fand und die darob nicht mehr aus ihrer chronischen, schweren Depression herausfand; Den verheirateten Familienvater, der sich schon immer als Frau fühlte, der aber erst in die Sprechstunde kam, nachdem seine Frau nach Jahrzehnten die sexuelle Beziehung aufgegeben hatte womit ihm eine Möglichkeit genommen war, in der Phantasie während des heterosexuellen Verkehrs eine Frau „zu sein“.

13:00 – 14:30 Uhr

Pause

Hinweis auf Parallelveranstaltungen (* PV) am Samstagnachmittag
Die Parallelveranstaltungen finden in den Räumen der Inselhalle statt.
Die Filmvorführung findet im Parktheater Lindau statt.

Beginn 14:30 Ende: 18:00
Pause: 16:00 - 16:30

Forum/AG Ort Moderation
Mehr erfahren PV 1.1 Geschlechtsidentität Lounge 1
Inselhalle UG
Joachim Grefe
Mehr erfahren PV 1.2 Frauen und Männer, Männer und Frauen Lounge 2
Inselhalle UG
Jürgen Thorwart
Mehr erfahren PV 1.3 Paare Konferenzraum 2
Inselhalle EG
Bruno Waldvogel
Mehr erfahren PV 1.4 Macht und Beziehung Konferenzraum 3
Inselhalle EG
Hermann Schürmann
Mehr erfahren PV 1.5 Kulturspezifische Aspekte Konferenzraum 9
Inselhalle EG
Ingrid Rothe-Kirchberger
Mehr erfahren PV 1.6 Kunst und Metapsychologie Konferenzraum 10
Inselhalle EG
Petra Koellreutter-Strothmann
Mehr erfahren PV 1.7 Psychoanalyse und Film Kino 2
Park-Theater Lindau
Ursula Mayr,
Jakoba Wochinger-Behrends
Mehr erfahren PV 1.8 AG Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie Konferenzraum 1
Inselhalle EG
Anne A. Springer,
Birgitta Rüth-Behr
Mehr erfahren PV 1.9 Offene AG der Vertrauensleute Saal 3 Lindau
Inselhalle EG
Ann Kathrin Scheerer
Mehr erfahren PV 2.0 AG Psychoanalyse und Gesellschaft Konferenzraum 8
Inselhalle EG
Klaus-Jürgen Bruder,
Karsten Münch
Mehr erfahren PV 2.1 Forum Aus- und Weiterbildung Konferenzraum 7
Inselhalle EG
Bundeskandidatenvertreter
Mehr erfahren PV 2.2 Forschung Konferenzraum 4
Inselhalle EG
Silke Wiegand-Grefe,
Michael Buchholz

* PV 1.1 – Inselhalle, Lounge 1, UG
Geschlechtsidentität
Moderation: Joachim Grefe

14:30 – 18:00 Uhr

„Core Gender Identity“ – Über die mögliche Rehabilitierung eines vergessenen Konzepts

Lily Gramatikov

Geschlechtsidentität wird heute meist als „Liquid Gender“ (Sigusch) konzeptualisiert, als ein sich im Fluss befindender Selbstentwurf. In modernen psychoanalytischen Theorieansätzen findet sich dieses neue Verständnis wieder. Hier werden heterosexuelle und homosexuelle Objektwahl mit den gleichen Ätiologiekonzepten abgebildet, werden „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ als Endpole eines Kontinuums anstelle der bislang gewohnten disparaten Einheiten gesehen. Geschlechtsidentität erscheint als Ergebnis der polymorphen Triebschicksale und den damit einhergehenden präödipalen wie auch ödipalen Identifizierungsvorgängen sowie der sich dabei ausbildenden Abwehrleistungen gegenüber widersprüchlichen oder unerwünschten Trieb- und Befriedigungswünschen. Unsere Theorien müssen sich jedoch im Behandlungszimmer beweisen. Wir benötigen sie für das Verständnis der zuweilen befremdlich erscheinenden psychischen Organisation unserer/n Patient/inn/en, für die Auflösung der Verwirrungen der Übertragung-Gegenübertragungs-Geschehnisse wie auch für die Überwindung unseres Widerstands, sich den pathologischen Zuständen unseres Gegenübers auszusetzen. In der Arbeit mit transsexuellen Menschen, die sich in Bezug auf ihre Geschlechtsidentität gerade nicht als variabel sondern als leidvoll festgelegt erleben, helfen die genannten neueren psychoanalytischen Ansätze für das Verständnis des transsexuellen Zustands und der teilweise heftigen Gegenübertragungsaffekte allerdings kaum. Das von Robert Stoller (1968) begründete Konstrukt der „Core Gender Identity“ scheint besser geeignet, das transsexuelle Phänomen zu beschreiben. Reimut Reiche hat 1997 das Konzept einer kritischen theoretischen Überprüfung unterzogen. Eine Überprüfung mit unseren neueren Erfahrungen und Theorieansätzen steht jedoch noch aus.

Gedanken zur psychischen Bisexualität des Menschen -
Eine psychoanalytische Auswertung einer Säuglingsbeobachtung

Gisela Klinckwort

Die psychoanalytische Auswertung des Beobachtungsmaterials einer Jahre zuvor stattgefundenen zweijährigen Beobachtung eines Kindes nach der Infant Observation Methode von Esther Bick, hat dazu geführt, Neues zu entdecken. Da die Mutter Säugling Paul im ersten Lebensjahr vollzeitlich versorgt und der Vater das Kind im zweiten Jahr vollzeitlich betreut hat, konnte ich bei einer erneuten Durchsicht der Beobachtungsprotokolle in der Haltung in der Erinnerung und Wunsch aufgegeben wurden, Neues im Beobachtungsmaterial entdecken und das Konzept der psychische Bisexualität des Menschen neu durchdenken. Neben der Mutter- und Vaterrolle wurde auch noch die Unterscheidung zwischen der mütterlichen und väterlichen Funktion aus dem Beobachteten erschlossen, sichtbar.

Psychohistorische und pränatalpsychologische Hintergründe der Spannungen zwischen den Geschlechtern

Ludwig Janus

Die Identitäten von Frauen und Männer können in wesentlicher Hinsicht aus den jeweiligen kollektiven und individuellen Vorgeschichten, die diese Identitäten geformt und bestimmt haben, verstanden werden. In den letzten Jahren haben sich hierzu vertiefte Einsichten ergeben, zum einen zur kollektivpsychologischen Vorgeschichte aus der Psychohistorie, der Anwendung der Psychoanalyse auf das Verständnis der Emotionen und Identitäten im historischen Prozess, und zum anderen zur frühesten individuellen Vorgeschichte aus der Pränatalen Psychologie, der Anwendung der Psychoanalyse auf das Verständnis der psychologischen Dimension von Schwangerschaft und Geburt.
Ein historisch wichtiger Hintergrund für das Thema ist die Ablösung der frühen steinzeitlichen matriarchal an der „Großen Göttin“ orientierten steinzeitlichen Kulturen durch die patriarchal bestimmten frühen Hochkulturen mit ihrer Orientierung an männlichen Gottkönigen und männlichen Göttern. Das bedeutete einen gesellschaftlichen Wandel von einer relativen Dominanz der Frauen zu einer ausgeprägten Dominanz der Männer, was die Muster der Geschlechterbeziehungen elementar prägte.
Individualgeschichtlich ist der Wandel von einer an Gehorchen und Einordnung orientierten Erziehung zu einer beziehungsorientierten fördernden Erziehung in den letzten Jahrzehnten bedeutsam, der für die Beziehung der Geschlechter heute erweiterte Begegnungs- und Entwicklungsmöglichkeiten zur Folge hat. Nicht mehr das mehr oder weniger gute Zueinander-Passen, sondern die Möglichkeiten zu einem konstruktiven Umgang mit Spannungen bzw. zu einer Koevolution stehen im Vordergrund.

Geschlechterspannung und Scham

Wulf Hübner

In der narzisstischen Urszene sind zwei Aspekte miteinander verbunden: die Entdeckung des Eigenen (vom Anderen Verschiedenen) und das Gewahr werden des eigenen Geschlechts. Im biblischen Mythos schämen sich Adam und Eva, sie fühlen sich jeweils minder im Angesichts des verschiedenen Anderen. Was vordem gleichvollkommen war, ist nun gleichunvollkommen. Diese Symmetrie war nie aushaltbar, ist immer zerfallen in das Deutungsmonopol des einseitigen (männlichen) Blicks und den Geschlechterkampf.
Der erste Aspekt, die Entdeckung des Eigenen, wird dort auf die Differenz der Geschlechter verengt. Der Skandal aber liegt in dem Umstand, dass jeder nur sein Geschlecht hat. Jeder hat nur eine reflektiert gefühlte Beziehung zu seinem Leib, - den man hinzunehmen hat. Ich fühle mich so. Die Alterität des Anderen besteht, meine ich, in dem (nicht an äußere Merkmale gebundenen) Umstand, dass er exklusiv etwas anderes ‚hat’, sein eigenes Fühlen, Denken und Selbst-sein. Doch damit wir uns das Eigene aneignen können, sind wir auf den aner-kennenden Austausch mit den Anderen angewiesen, schon als Kind mit Erwach-senen, die den narzisstischen Komplex ihrerseits nur mehr oder weniger gut be-wältigt haben. Wir sind meist auf den aggressiven, triebhaften Aspekt der Selbstbehauptung (auch im Geschlechterkampf) konzentriert und geraten leicht in Gefahr, die Schamdynamik (Verleugnung der Scham durch Beschämung des Anderen) zu übersehen. Generell neigen wir dazu, Scham und Schamerleben im Schuldgefühl untergehen zu lassen (Erickson), in den theoretischen Überlegungen ebenso wie in unseren kasuistischen Diskussionen.

* PV 1.2 – Inselhalle, Lounge 2, UG
Frauen und Männer, Männer und Frauen
Moderation: Jürgen Thorwart

14:30 – 18:00 Uhr

(Un)erfüllte Sehnsüchte nach Emanzipation. Weibliche Sexualität zwischen Tradition und Aufbruch

Helga Krüger-Kirn

Die durchschlagende Rezeption der Trilogie „Fifty Shades of Grey“ sowie eine zunehmende Thematisierung masochistischer Phantasien von Frauen in den psychoanalytischen Behandlungen nehme ich zum Anlass, um über mögliche Veränderungen von weiblichen sexuellen Begehrensweisen im Rahmen von Partnerschaften nachzudenken.
Während klassisch-romantische Liebesbeziehungen von klaren Rollenvorgaben für männliche und weibliche Sexualpraktiken geprägt waren, haben sich mittlerweile nicht nur die Geschlechtervorstellungen, sondern auch die Möglichkeiten für selbstbestimmtere und bisher verunmöglichte Begehrensweisen verändert. So kann mit Sigusch (2001) festgehalten werden, dass heutige Sexualitätsvorstellungen maßgeblich mit einem Freiheitsbegriff identifiziert werden, in denen das Ideal sexueller Selbstbestimmung mit konsensuellen Aushandlungsprozessen zwischen den Partnern einhergeht und auf diese Weise eine Vielfalt sexueller Praktiken legitimiert.
Eine Bestandsaufnahme aus psychoanalytischer Perspektive indes legt nahe, dass der Verhandlungsmodus einer sexuellen Selbstbestimmung auch weiterhin traditionellen Geschlechtermustern folgt: während die Frau bzw. weibliche Position in der Ambivalenz zwischen Emanzipation und dem Wunsch/der Rolle passiv zu begehren verweilt, werden männlich-aggressive Verhaltensweisen romantisiert (vgl. Krüger-Kirn, 2017).
Ziel des Vortrags ist es, entlang Freuds konstitutiver Trennung von Sexuell und Sexualität zu fragen, inwieweit eine Überwindung von sexuellen Normen/genitaler Fixierung gelungen ist? Daran anschließend wird überlegt, ob im Zuge der selbstbestimmten Verhandlungsrhetorik nicht eher eine konflikthafte Zuspitzung geschlechterhierarchischer Positionen verschleiert und eine Re-Traditionalisierung bezüglich Liebe, Sexualität, Lebensformen und Geschlechterkonstruktionen zementiert wird.

Das geile Weib – über die Unterdrückung und Befreiung des weiblichen Begehrens aus psychoanalytischer, sexualmedizinischer und kriminologischer Perspektive

Ingrid Prassel

Was will das Weib? Diese Frage ist für Freud unbeantwortet geblieben. Im Verlauf der Zeitepochen verändern und wiederholen sich Vorstellungen über das weibliche Begehren. Das Zeitalter der Psychoanalyse und die entstehenden Sexualwissenschaften beschäftigten sich sehr mit dem sexuellen Begehren der Frau, allerdings bis heute voller männlicher Vorurteile und gesellschaftlicher Diskriminierung bis hin zur Kriminalisierung. Die weibliche Sexualität ist ein Politikum und mit den Sozialisationsbedingungen der Frau in der jeweiligen Gesellschaft eng verknüpft. Es gibt vielfache und konträre Bilder von Weiblichkeit. Sie reichen von der keuschen Jungfrau bis zur lüsternen Hexe und wollüstigen Prostituierten. Die missverstandene, versteckte und verleugnete Lust der Frauen führt wiederum zur unbewussten Pönalisierung männlicher Erregbarkeit. Die seelische Gefangenschaft im negativen Spannungsfeld der Geschlechterlust hat jedoch nicht nur intra- und interindividuelle Folgen, sondern prägt Kulturen und Gesellschaften. Ein Verzicht auf vorurteilsbehaftete Deutungsmuster beider Geschlechter mithilfe auf der Historie aufbauenden wissenschaftlichen Erkenntnissen verhilft neue partnerschaftliche Strukturen zu bilden und männliche und weibliche Machtmittel zu begrenzen.

Geschlechter-Spannung im männlichen Subjekt – zur Übertragungsbeziehung zwischen Analytiker und Analysand bezogen auf den vollständigen Ödipuskomplex

Bernd Heimerl

Für Freud existierte nie eine einfache Sexualität, sondern immer eine konfliktgeladene Psychosexualität, die bereits in der Kindheit konstruiert wird und ihre Besonderheiten durch die Erfahrungen in verschiedenen Entwicklungsphasen erhält. Hierzu führte er das Konzept der ursprünglichen Bisexualität des Menschen und die Theorie des vollständigen Ödipuskomplexes ein. Der vollständige Ödipuskomplex umfasst den positiven und negativen Ödipuskomplex und impliziert, dass der Mensch ursprünglich oder latent zur homosexuellen Liebe fähig ist. Laplanche und Pontalis (1967) sehen im vollständigen Ödipuskomplex die Hauptbezugsachse sowohl der Strukturierung der Persönlichkeit als auch der Psychopathologie und Anthropologie sowie der psychoanalytischen Theorienbildung. Den unvollständigen Ödipuskomplex – zumeist mit dem Schwerpunkt der Vernachlässigung des negativen Ödipuskomplexes - hebt Judith Butler als eine „bestimmte heterosexuelle Version des Subjekts“ (2001) hervor. Welche Implikationen hat der vollständige Ödipuskomplex für die Behandlungspraxis einer männlichen Übertragungsbeziehung zwischen Analytiker und Analysand? Welche Bedeutung hat der negative Ödipuskomplex in der aktuellen Debatte um die Geschlechter-Spannung und der Übertragungsliebe zwischen Analytiker und Analysand?

Frauen altern anders, Männer auch – zur Bedeutung der Geschlechterspannung für die Entwicklung im Alter

Christiane Schrader

Für unsere jetzige Langlebigkeit und für das heutige Altern gibt es keine Vorbilder. Das heutige Altern in seiner Mischung aus sozialer Konstruktion und subjektiver wie körperlich erlebter Erfahrung gibt uns „gewonnene Jahre“ mit Spielräumen und Entwicklungsmöglichkeiten, die wir gerne in unsere Lebensplanung miteinbeziehen, konfrontiert uns aber gleichfalls mit den Erfahrungen von Abschied, Verlust und Kränkung bis hin zum Tod, die schon immer mit diesem Lebensabschnitt verbunden waren. In dieser existenziellen Hinsicht übereinstimmend, betrifft das Alter Frauen und Männer jedoch nur zum Teil in gleicher Weise. Ihre Alternsprozesse verlaufen asynchron in biologischer, psychologischer und sozialer Hinsicht. Äußere und innere Faktoren tragen zu dieser Form von Geschlechterspannung bei. Wichtige Aspekte der äußeren Geschlechterspannung sind z.B. : Frauen haben eine höhere Lebenserwartung aber im Alter auch ein höheres Belastungspotenzial in verschiedener Hinsicht, angefangen von der Altersarmut, über Pflegeaufgaben, eigene gesundheitliche Belastungen und Pflegebedarfe, und sie leben länger alleine. Andererseits sind sie sozial zumeist besser eingebunden in intra- und intergenerationelle Beziehungen und vernetzt. Dennoch, die Projektionen von Altern, Sterben und Tod auf die Frauen und den weiblichen Körper, für die sich z.B. in der Literatur aber auch im Volksmund zahlreiche Beispiele finden lassen, sind nach wie vor weit verbreitet. Wie vor ihr bereits Simone de Beauvoir hat Susan Sontag in den USA wie hierzulande Ursula Lehr in den 70ern den „double standard of ageing“ kritisiert. Vieles davon gilt noch heute, obwohl sich die Altersbilder verändert haben, flexibler und vielfältiger geworden sind. Dass diese spannende Auseinandersetzung mit dem Altern von Frauen und Männern in Wissenschaft, Kunst, Literatur, und Medien im Kontext eines gesellschaftlichen Diskurses stattfindet, in dem sich sowohl die duale Polarisierung zwischen den Geschlechtern (I.Quindeau) als auch Rollenvorgaben zu relativieren scheinen, rückt die innere Geschlechterspannung in den Vordergrund.
Die innere Geschlechterspannung, die Reimut Reiche in seinem Buch mit dem gleichnamigen Titel ausformuliert hat, spielt im Alter keine geringere Rolle als in früheren Jahren: Durch das Ende der Fruchtbarkeit bzw. der Familienphase bei den Frauen und der Berufstätigkeit und Familienphase bei den Männern, die als Schwellensituationen für die Identitätsentwicklung im Alter noch immer eine große Bedeutung haben, werden bei beiden Geschlechtern nicht nur libidinöse und aggressive Besetzungsenergien und andere Kräfte frei, da Verpflichtungen und Rollenvorschriften gelockert werden oder entfallen. Insbesondere gewinnen die inneren, bisexuellen Identifizierungen und andere unbewusste Impulse und durch den (körperlichen) Alternsprozess generierte Beta Elemente vermehrt Dynamik und Aktualität. Wurde in der früheren psychoanalytischen Literatur diese Entwicklung zum Teil in entwertender Weise gegen die alternden Frauen gewendet, denen Entweiblichung, Vermännlichung und ein enormes aggressiv-destruktives, antigeneratives Potenzial projizierend zugeschrieben wurde (z.B. F. Dolto), haben sich auch die psychoanalytischen Vorstellungen nicht zuletzt unter dem Einfluss der zweiten Frauenbewegung inzwischen geändert (z.B. Schlesinger-Kipp, Schrader). Was lernen wir - sowohl als jüngere oder selbst alternde Frauen und Männer - über diese innere Geschlechterspannung älterer und alter Frauen und Männer in unseren Behandlungszimmern, über ihr Selbstgefühl als Frauen und Männer, über Erotik, Sexualität, Partnerschaften und Liebesbeziehungen, über ihre Errungenschaften und über drohende wie reale Verluste? Äußere und innere Geschlechterspannung im Alter haben einen enormen Einfluss auf die Überarbeitung der eigenen psychosexuellen Identität und Entwicklung von Frauen und Männern im Alter, und auch auf Ehen, Lebensgemeinschaften, Freundschaften und andere Beziehungen. Mit Hilfe klinischer Beispiele und zurückgreifend auf die oben angerissen Aspekte des Konzepts der Geschlechterspannung möchte ich die Umrisse eines zeitgenössischen Modells weiblicher und männlicher Entwicklung im Alter skizzieren und nachzeichnen, warum ältere und alte Frauen und Männer weder postsexuelle noch postgenitale noch postgenerative Erwachsene sind, wie frühere Auffassungen dies implizierten.

* PV 1.3 – Inselhalle, Konferenzraum 2, EG
Paare
Moderation: Bruno Waldvogel

14:30 – 18:00 Uhr

„Du siehst mich einfach nicht!“ – Wenn Paare in sexuelle Sackgassen geraten

Monika Christoff, Norbert Christoff

Prävalenz und Inzidenz sexueller Störungen werden klinisch unterschätzt, ebenso die hohe Komorbidität mit fast allen (chronischen) somatischen und psychischen Erkrankungen. Sexuelle Störungen sind in den Psychotherapierichtlinien-Verfahren unterdiagnostiziert und weitgehend unbehandelt.
Weil es bei sexuellen Schwierigkeiten keinen unbeteiligten Partner gibt, tritt die sexuelle Beziehung in den therapeutischen Fokus. Geraten Paare in sexuelle Sackgassen, spielen die lebenslangen mehr oder minder bewussten objektlibidinösen wie narzisstischen Konflikt- und Entwicklungslinien beider Partner eine Rolle. Zunächst aber sind sexuelle Symptome eingebettet in eine sich ständig reaktualisierende, negative, zentrale Beziehungsbedürfnisse frustrierende interaktionelle Paardynamik, also symptomatischer Ausdruck einer maladaptiven Abwehr von Triebwünschen und emotiona-len Belastungen. Sexuelle Differenzen bereichern dann nicht mehr, sondern beginnen zu trennen. Viele Paare ergehen sich in gegenseitigen Schuldvorwürfen oder ziehen sich gekränkt voneinander zurück. Die bewusst machende und erlebnismäßige Aktualisierung enttäuschter partnerschaftlicher Übertragungssuche nach liebevoller Bestätigung, Nähe und Geborgenheit bietet therapeuti-sche Chancen, auch die sehr hartnäckigen Teufelskreise von vergangenen „Identity-“ und „Attachment-Crimes“ lockern und verändern zu können. An einem Fall sexueller Lustlosigkeit möchten wir aufzeigen, wie wechselseitig frustrierte Beziehungsbedürfnisse und negative Emotionen sexuelle Störungen auslösen und aufrecht-erhalten sowie therapeutische Wege aus solchen Sackgassen diskutieren, die in einem modifizierten psychodynamischen Vorgehen durchaus integrierbar sind.

Braucht Liebe Geschlecht? Unbewusste Geschlechterinszenierungen in heterosexuellen Paarbeziehungen

Ann-Madeleine Tietge

Inwiefern ist die Auflösung geschlechtlicher Unterschiede und Hierarchien als bewusstes Anliegen möglich? Am Beispiel der heterosexuellen Paarbeziehung wird gezeigt, wie dort auf der Grundlage gesellschaftlich „perforierter“ Abwehrprozesse interaktiv Geschlecht hergestellt wird, auch wenn ebendiese Paare versuchen, Geschlechternormen auf manifester Ebene zu kritisieren. Die unbewusste Re-Inszenierung von Geschlechternormen in heterosexuellen Paarbeziehungen lässt sich anhand einer Zusammenführung von psychoanalytischer Theorie und konstruktivistischer Geschlechterforschung verstehen. Zum einen bieten Queer/Gender Studies dem psychoanalytischen Menschenbild eine weniger normative Perspektive auf Geschlecht, Paarbeziehung und Sexualität. Zum anderen erweitert die Psychoanalyse die Geschlechterforschung um das Verstehen unbewusster Prozesse bei der interaktiven Reproduktion von Geschlecht. Nur so ist der noch immer gravierenden Bedeutung von geschlechtlichen Machtverhältnissen Rechnung zu tragen, ohne dabei verkürzt normativ, biologistisch oder unter Rückgriff auf evolutionspsychologische Herleitungen zu argumentieren. Wie sich im Rahmen einer tiefenhermeneutischen Interviewstudie der Referentin zeigte, re-inszeniert sich Geschlecht in der Paarbeziehung vor allem anhand einer Polarisierung in Subjekt- und Objektposition, bei welcher der Partnerin stets die abgewertete Objektposition zufällt. Die gesellschaftlich und auch psychotherapeutisch höchst aktuelle Frage nach einer geschlechtergerechten, heterosexuellen Paarbeziehung kann nur durch eine Reflexion unbewusster heteronormativer Muster und nicht durch deren einfache Nivellierung beantwortet werden.

Psychodynamische Konzepte der Paartherapie im Spiegel der Grundlagen- und Wirkungsforschung

Christian Roesler

Psychodynamische Konzepte sind in der Paartherapie, zumindest was ihren Ruf und ihre Position in der klinisch-psychologischen Fachliteratur, teilweise auch in der Versorgung angeht, marginalisiert – zu unrecht. Die aus der Psychoanalyse entstandene Bindungstheorie gilt mittlerweile als das plausibelste und empirisch am besten untersuchte Erklärungskonzept für die Dynamik in Paarbeziehungen und die darin entstehenden Probleme. Schon seit den 90er Jahren hat psychodynamische Paartherapie in Wirkungsstudien immer die höchsten Effektstärken und die nachhaltigsten Wirkungen erreicht – allerdings sind die Untersuchungen nicht sehr zahlreich, hier besteht Nachholbedarf. Im Workshop wird ein Überblick über den Stand der Wirkungsforschung in der Paartherapie, auch im Vergleich verschiedener Schulen und Ansätze gegeben, der zeigt, dass psychodynamische Ansätze zu den wirksamsten im Feld gehören. Ebenso wird eine Zusammenfassung der einschlägigen Grundlagenforschung (Paarinteraktionsforschung, neurowissenschaftliche Erkenntnisse, Bindungsforschung etc.) dargestellt und diese zu einem kohärenten und zeitgemäßen Erklärungskonzept für die Dynamik in (gestörten) Paarbeziehungen integriert. Es wird ein Ausblick geben, was diese Erkenntnisse für eine zukünftige Theorieentwicklung und Forschung (einschließlich möglicher Forschungsdesigns) in der psychoanalytischen Paartherapie bedeuten.

Mediation, psychodynamisch fundiert, Sexualität, das Scheitern oder Neubeginn von Beziehungen

Georg R. Gfäller

Aus liebender Mann-Frau-Beziehung entwickelt sich oft beim ersten Kind die Reduktion der Frau auf ihr Mutter-Sein, aus dem Mann, der Vater hätte werden sollen, ohne sein Mann-Sein aufzugeben, wird ein weiteres Kind. Die männliche Aufgabe, aus der Mutterbrust die Brust der Geliebten zu machen, wird vernachlässigt, vielmehr fordern oder betteln Väter oft um mütterliche auch sexuelle Aufmerksamkeit in unbewusster Rivalität zum Kind. Unbewusste Schuldgefühle bezüglich der Sexualität erschweren die Erneuerung der Liebe.
Im gesellschaftlichen Prozess der Individualisierung wird Sexualität nicht als gemeinsame Resonanz im Sich-Gegenseitig-Ineinander-Verlieren und sich gerade dadurch in besonderer Weise selbst zu erfahren erlebt, sondern als individuelle gegenseitige Triebbefriedigung unter Nutzung des Anderen.
Gelingt es in Mediationen, entgleiste Beziehungsprozesse auf ihre unbewussten Hintergründe zu eruieren, kann die alte und nun wieder neue vielleicht sogar tiefere Liebe entstehen, was zudem großer Gewinn für die Kinder ist. Zumindest dient eine solche, die Psycho- und Gruppenanalyse nutzende Mediation dazu, auch bei letztlicher Trennung oder Scheidung die für die Kinder nötige Elternschaft zu erhalten. Auch bei Konflikten in und zwischen Unternehmen ist die Aufdeckung unbewusster Hintergründe absolut hilfreich.

* PV 1.4 – Inselhalle, Konferenzraum 3, EG
Macht und Beziehung
Moderation: Hermann Schürmann

14:30 – 18:00 Uhr

Männer und Macht

Hans-Jürgen Wirth

Der Autor wählt einen persönlichen Einstieg und schildert seine Erfahrungen als Angehöriger der »antiautoritären Generation« in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Autoritäten. Dann thematisiert er den engen Zusammenhang von Narzissmus und Macht: Einerseits streben narzisstische Persönlichkeiten häufig nach Macht, andererseits begünstigt Macht die Entwicklung narzisstischer Persönlichkeitseigenschaften. Auf dieser Grundlage geht der Autor der Problematik des Machtmissbrauchs nach, den er am Beispiel von antisozialen Persönlichkeitsstörungen, Gewaltkriminalität und sexueller Gewalt illustriert. Dabei soll auch auf die aktuelle #me too-Debatte Bezug genommen werden. Diese Formen des Machtmissbrauchs kommen bei Männern deutlich häufiger vor als bei Frauen. Macht verleitet Männer häufig dazu, ihrem malignen Narzissmus freien Lauf zu lassen und ihre narzisstische Selbst- und Weltsicht in der Realität zu bestätigen.

Frauen und Macht

Susanne Walz-Pawlita

Während die Ausübung von Macht an sich kritisch gesehen wird, ist sie dennoch notwendige Voraussetzung für den gesellschaftlichen und beruflichen Erfolg, der gerade in Deutschland nach wie vor bei den Männern liegt. Die Konzeptualisierung von Fragen weiblicher Macht ist nach wie vor wenig präsent, auch in der Psychoanalyse. Als entscheidende Faktoren bezüglich weiblicher Macht werden vornehmlich die Verschränkungen ödipaler und präödipaler Identifizierungen in der weiblichen Entwicklung betont, die im politischen Leben häufig zu Rückzug, Anlehnung und Passivität führen. Gleichzeitig beherrschen destruktive Imagines allmächtiger Mütter das kollektive Unbewusste, verknüpft mit entsprechenden kollektiven Abwehrformationen. Demgegenüber schlägt die Autorin vor, anstelle einer Logik der Macht den Begriff der Verantwortlichkeit für einen sozialpsychologischen und analytischen Diskurs um weibliche Macht aufzunehmen und an diesen Denkkonzepten weiter zu arbeiten.

Mangel – Macht – Missbrauch
Zur transgenerationalen Dynamik der sexuellen Perversion

Mathias Hirsch

Fehlt die Anerkennung des weiblichen Geschlechts, richtet die Tochter den Hass gegen den eigenen Körper. Hat sie einen Sohn, idolisiert sie sein Geschlecht, verwendet es zur (misslingenden) Selbstergänzung und trägt zur Entwicklung seiner Perversion bei, in der Macht, Wut und Sexualität vereint sind.

»Sah ein Knab ein Röslein stehen«
Über Machtkämpfe und Liebesträume

Klemens Färber

Das Lied vom Heideröslein hat die spannendste Zeit seiner Rezeptionsgeschichte wohl noch vor sich, nach fast 250 Jahren: Das Skandalöse darin ist der kulturrevolutionären Wachsamkeit zwar noch entgangen. Doch darf ein Lied aus der Spätaufklärung überhaupt etwas beitragen zu den heiklen Geschlechterfragen nach der Freiheit und ihren Grenzen? Oder gerade? – Zumindest in Analysen hilft der Rückgriff auf älteres Material oft dabei, in Krisen und Verwirrungen nicht das Augenmaß zu verlieren, oder die Sprache. So entdeckt man im scheinbar klaren Kriminalfall doch noch eine andere Geschichte, die mit Angst zu tun hat. - Fünf Sätze unseres Liedes müssen wir deshalb genauer untersuchen. – Da geht es um Macht und Liebe, auch um die Überdehnung des Trauma-Begriffs oder um »das Beleidigte« als Abwehrpathologie. - Am Ende noch darum, was in ideologischer Zeit aus der Psychoanalyse wohl werden wird; und was aus dem »analytischen Paar«. Wir erinnern an ein altes Image der Analyse, selbst ein Verführungsversuch zu sein – wenn auch eine Verführung zu Offenheit und Entwicklung, reguliert durch den »Widerstand«. Den hätte übrigens Freud allein, ohne die kreativen Beiträge seiner Patientinnen, wohl kaum entdeckt. Gemeinsam schufen sie die »analytische Kur«, auch als Labor für mögliche Machtbalancen: Mehr als hundert Jahre vor Hollywoods #metoo.

* PV 1.5 – Inselhalle, Konferenzraum 9, EG
Kulturspezifische Aspekte
Moderation: Ingrid Rothe-Kirchberger

14:30 – 18:00 Uhr

Der Schleier

Eva Frost

Die muslimische Welt leidet seit den achtziger Jahren unter einer Krise, die ihre Basis erschüttert hat. Sie beruht auf einem Bruch zwischen Tradition und einer Moderne, der kaum unüberbrückbar scheint.
Wie freiwillig ist dann jenseits politischer Gründe und soziokulturellem Hintergrund heutzutage das Verschwinden der Frau unter dem Tuch? Welche kulturelle Praxis liegt also zugrunde, welche Selbstwahrnehmung?
Der Schleier ist ein leerer Signifikant. Psychoanalytisch betrachtet kann der Schleier die Psyche umhüllen und dem Ich als zweite Haut dienen. Er dient dann als haltende mütterliche Umhüllung, die den Körper verbirgt, bedeckt verhüllt oder bekleidet. So kann er auch vor einer als intrusiv erlebten Welt schützen. Er kann als Übergangsobjekt dienen. Andererseits kann er die Funktion eines strafendenden mütterlichen Über-Ichs, sozusagen einer Gefängniszelle erfüllen. In Behandlungen kann er auch ein psychisches Refugium sein, in dem sich die Trägerin in den Sitzungen versteckt. Das Eine Frau, die sich schuldig fühlt, weil ihr Körper sexuell provoziert, kann sich verschleiern und so ihren Körper als Objekt des Begehrens opfern. Die symbolische Repräsentation des Schleiers beinhaltet nicht nur mütterliche, sondern auch väterliche Funktionen, was zu ödipalen Konflikten führt. Die Mutter wird so zu ödipalen Rivalin.

“Ehrensache“
Ehre und Scham im Verhältnis der Geschlechter in islamisch geprägten Kulturen und Bedeutung für Traumatisierung von Migranten

Uwe Langendorf, Annette Schulz

folgt

Sexuelles (Er-) Leben und virtuelle Welten

Michael Pavlović

Die Entwicklung weiblicher, männlicher und anderer Identitäten vollzieht sich in einem komplexen Zusammenspiel aus inneren und äußeren Faktoren. Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang die (nicht mehr ganz so) „Neuen Medien“: das Internet, die Welt der Computerspiele, der Streaming- und Datingportale? Aus der Wunschmaschine Computer ist durch die weltweite Vernetzung ein Hyper-Wunsch-Universum geworden, das mit einer unüberschaubaren Zahl von Angeboten lockt und gleichzeitig Befriedigung für Bedürfnisse jeglicher Art verspricht, auch für solche, die man selbst noch gar nicht kennt.
In unserer Praxis werden wir mit „Reiseberichten“ unserer Patienten aus Welten konfrontiert, von denen die meisten von uns nur wenig wissen. Diese Berichte können geprägt sein von Stolz und Begeisterung, angefüllt mit Ängsten und Schuldgefühlen, eine große Selbstverständlichkeit im Umgang mit diesen Räumen demonstrieren oder eine große Verwirrung zeigen. Wie geht es uns PsychoanalytikerInnen, wenn wir unsere Patienten auf diesen Wegen zu begleiten versuchen? Wann fühlen wir uns angeregt, wann überfordert, wann gar verführt?
Entstehen in der Virtualität Übergangsräume, die Beziehungen fördern und Entwicklungsdefizite ausgleichen? Oder werden es Orte des seelischen Rückzugs im Sinne Steiners oder ein Claustrum (Meltzer) werden? Wie unterscheiden sich Männer und Frauen in der Art, wie sie diese Welten bereisen, sie für sich nutzen oder darin verlieren?

* PV 1.6 – Inselhalle, Konferenzraum 10, EG
Kunst und Metapsychologie
Moderation: Petra Koellreutter-Strothmann

14:30 – 18:00 Uhr

Das spannende und gespannte Frau-Mann-Verhältnis zwischen Frida Kahlo und Diego Rivera – Heilung oder Retraumatisierung?

Astrid Gabriel

Leben und Werk der mexikanischen Malerin Frida Kahlo sind nach einer ersten Ausstellung in Deutschland 1982 zunehmend in den öffentlichen Blick gerückt, besonders 2002 durch den Film „Frida“. Sie wurde zu einer Ikone leidender Weiblichkeit stilisiert. Sowohl ihre Person und ihre Erscheinung als auch ihr Leben erfuhren intensive Resonanz, wie auch ihre Bilder, die zum großen Teil um ihr Schicksal und ihre Erscheinung kreisen. Diese Bilder sind selten im Original in Europa zu sehen, die meisten sind in Privatbesitz oder dürfen seit einiger Zeit als „Nationales Erbe“ Mexiko nicht mehr verlassen. Das Thema der körperlichen Traumatisierung FKs durch einen Unfall im Alter von 18 Jahren sowie ihre äußerst spannende und gespannte Liebesgeschichte mit dem für Mexiko bedeutenden Maler Diego Rivera stehen im Mittelpunkt der Wahrnehmung. In meinen Überlegungen versuche ich auf dem Hintergrund des Tagungsthemas, einen anderen Zugang zum Verständnis dieser Künstlerin zu finden: Wieviel Entwicklungsmöglichkeit, ja Heilung lag für FK in der narzisstischen Identifizierung mit einem männlichen Gegenüber?

Gerhard Richters Beitrag zur Kulturanalyse: »Birkenau« (2014)

Joachim F. Danckwardt

Unter dem Architrav »Dem Deutschen Volke« hängt in der westlichen Eingangshalle des Berliner Reichstagsgebäudes seit September 2017 Gerhard Richters vierteiliger monumentaler Bild-Zyklus »BIRKENAU«. Wie kann eine Werkbezeichnung von grausamster und größter Realistik mit den augenscheinlich freien und gegenstandsungebundenen Formen und Farben gänzlich abstrakter Kunstwerke in Verbindung gebracht werden? Hatten doch Th. W. Adorno oder Cl. Lanzmann früh die Unvorstellbarkeit und Undarstellbarkeit der Barbarei zum Dogma erhoben und erst spät eingelenkt: »Weil die Welt den eigenen Untergang überlebt hat, bedarf sie gleichwohl der Kunst als ihrer bewusstlosen Geschichtsschreibung. Die authentischen Künstler der Gegenwart sind die, in deren Werk das äußerste Grauen nachzittert. « Wie Gerhard Richter 2014 das Dogma der Unvorstellbarkeit und Undarstellbarkeit der Barbarei überwand, wird anhand einer psychoanalytischen Transformations-Analyse von 6x6formatigen Fotodokumenten eines »Sonderkommandos« im August 1944 über mehrere »Bildakte« entwickelt (Bion 1984; Boehm 1994; Bredekamp 2015; S. Freud 1914; M. Klein 1946).

Geschlechterspannungen im Diskurs der Psychoanalyse: Von der Entdeckung des Ödipuskomplexes zur Anerkennung singulärer Sexualitäten.

Sieglinde Eva Tömmel

Das Bundesverfassungsgericht hat im Herbst 2017 der Grundrechtsklage einer Person stattgegeben, die sich durch das Personenstandsgesetz diskriminiert sah, das männlich, weiblich oder keinen Eintrag erlaubte.
Diese Entscheidung dürfte als Indikator eines tieferen gesellschaftlichen Wandels gelten. Überlieferte Traditionen von Geschlechterspannungen, definiert als Spannung zwischen männlich und weiblich, könnten von der Anerkennung singulärer Sexualitäten abgelöst werden.
Der tiefgreifende gesellschaftliche Wandel zeigt sich auch im psychoanalytischen Diskurs. Während Freud der Auffassung war, der ubiquitär existierende Ödipuskomplex als Kern männlicher und weiblicher Entwicklung müsse im Rahmen einer psychoanalytischen Analyse erkannt und anerkannt werden, widersprachen u. A. Michel Foucault und Roland Barthes dieser Auffassung bereits in den 70-er Jahren. Christa Rohde- Dachser hat hierzu einen wichtigen Beitrag in den 90-er Jahren geleistet, der in der Scientific Community viel zu wenig rezipiert wurde. Heutige Kritiker und Kenner der Psychoanalyse, zum Beispiel Didier Eribon, verschärfen die Diskussion um etliche Dimensionen. Als theoretischer Bezugsrahmen für den Vortrag dient die Arbeit von Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten (Suhrkamp 2017). Er liefert möglicherweise einen gesamtgesellschaftlichen Begründungszusammenhang, der dazu beiträgt, eine klarere Sicht der vor unseren Augen sich abspielenden Prozesse zu gewinnen.

Der bimorphe Sexus – eine zweigeschlechtlich dimensionierte Metatheorie

Berthold König

Die Theorie vom bimorphen Sexus versucht, den Spannungsbogen zwischen Mann und Frau in der äußeren Beziehung sowie dessen Repräsentation im psychischen Raum konzeptuell zu fassen.
Als basal erscheint dabei der Wechselbezug oder - im intersubjektiven Verständnis - die Anerkennung einer intergeschlechtlichen Dimension, die den jeweils anderen, differenten, fremden und vom eigenen separierten Geschlechtskosmos, zu dem sich eine wie auch immer geartete Spannung aufbaut, stets mitreflektiert.
Die Geschlechter-Spannung in ihren spannenden wie auch angespannten Aspekten resultiert in diesem Verständnis zum einen aus der Geschlechter-Separation, die eine(n) „unvollständig“ in der Begrenzung auf das eigene Geschlechtswesen zurücklässt und zugleich das andere Geschlechtswesen bei aller Vertrautheit auch immer als wesensfremd vor Augen führt. Ein Paar sein zu wollen ist vor diesem Hintergrund auch als Motiv zu verstehen, die Separation in der Geschlechtertrennung aufzuheben und die kollusive Illusion einer narzisstischen „Vollständigkeit“ zu etablieren.
Zum anderen stellt sich mit der Pubertät unter dem Schub des Geschlechtstriebes ein Vereinigungsdrang mit zusätzlichem Konfliktpotential ein, der nach Auflösung (= Befriedigung) drängt. Der Geschlechtstrieb wird in diesem Zusammenhang als solitär in der Nachfolge der sogenannten infantilen Sexualität betrachtet, und ergo stellt sich die Theorie des bimorphen Sexus auch als eine dar, die versucht, den genitalen Horizont von Mann und Frau in der postinfantilen Zeit zu fassen.
Insgesamt eine Theorie, in der sich beide Geschlechter vororten lassen – jeweils im spannungsreichen Wechselbezug zueinander.

* PV 1.7 – Park-Theater Lindau, Kino 2
Psychonalayse und Film
Moderation: Ursula Mayr, Jakoba Wochinger-Behrends

14:30 – 18:00 Uhr

Geschlechtsidentität und Geschlechtsdiffusion
Film: The Danish Girl (USA/UK/DK/B 2015, 120 Min.)
Regie: Tom Hooper

Deutsch

Bitte beachten Sie: Die Parallelveranstaltung Psychoanalyse und Film findet nicht in der Inselhalle, sondern im nah gelegenen Kino Park-Theater statt. Sie finden das Kino in der Zwanzigerstr. 3, direkt neben dem Parkhaus der Inselhalle.

* PV 1.8 – Inselhalle, Konferenzraum 1, EG
AG Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
Moderation: Anne A. Springer, Birgitta Rüth-Behr

14:30 – 18:00 Uhr

Die TP ist (auch) psychoanalytische Therapie - Perspektiven und Chancen

Die Begrenzung nimmt bei kurzen und niedrigfrequenten Behandlungen eine Katalysator-Funktion ein. Unsere Erfahrung zeigt, dass in diesen Behandlungen viele PatientInnen auch über Trennungssituationen hinweg - auch von Woche zu Woche - den Fokus gut halten können. Dabei können die Übertragungsprozesse langfristig als Internalisierungsprozess von Teilobjekterfahrung wirken. Gerade in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie könnte - anstelle der „Übertragungsauflösung“ - ein adäquates Konzept darin bestehen, durch die Gestaltung des Beendigungsprozesses Transformationsprozesse zu fördern , also bewusst auf einen Transfer der therapeutischen Erfahrung in die Lebensrealität hinzuarbeiten. Die Arbeit an den Fragen: wie wird konkret unter dieser Fragestellung mit den Übertragungsprozessen gearbeitet ? Was fördert bzw. behindert den Prozess? wollen wir in Fortsetzung unserer Foren der vergangenen DGPT - Tagungen und auch der Arbeit in Weimar im letzten Jahr gern gemeinsam mit den TeilnehmerInnen fortsetzen und vertiefen.

* PV 1.9 – Inselhalle, Saal 3 Lindau, EG
Offene AG der Vertrauensleute
Moderation: Ann Kathrin Scheerer

14:30 – 18:00 Uhr

Können wir alles und unbegrenzt? – Nachdenken über eigene Grenzen

Auch auf der Tagung 2018 in Lindau möchten die Vertrauensleute der DGPT wieder in einer offenen AG in einen Dialog mit den Mitgliedern treten.
Wir bieten als Thema das „Nachdenken über eigene Grenzen“ an – denn wir können trotz mancher omnipotenter Wünsche an unser analytisches Verfahren, an unser Wissen und unsere Erfahrung weder alles verstehen noch alles behandeln noch alles heilen. An welche Grenzen stoßen wir und wie bemerken wir sie? Es gehört auch zu den ethischen Herausforderungen unseres Berufes, unsere eigenen Begrenztheiten – sei es durch Alter, Krisen oder Krankheit - und die der Indikationen für unser Behandlungs-Verfahren zu erkennen, anzuerkennen und ggfs. zu vermitteln.
Nach einer kurzen Einführung bietet die Offene AG den Teilnehmern im geschützten Rahmen die Möglichkeit, eigene Erfahrungen einzubringen und zu diskutieren, um den persönlichen und professionellen Umgang mit den Grenzen, auf die wir alle stoßen, weiter zu entwickeln.
Alle Mitglieder sind willkommen. Wir freuen uns auch auf einen Austausch mit den Vertrauensleuten der Institute, Mitgliedern der Schiedskommissionen, in den Kammern im ethischen Bereich tätigen Kollegen sowie Kandidaten.

* PV 2.0 – Inselhalle, Konferenzraum 8, EG
AG Psychonalayse und Gesellschaft
Moderation: Karsten Münch, Christoph Bialluch

14:30 – 18:00 Uhr

Alpha Girls – beruflich erfolgreich – privat allein.
Wenn Macht und Überlegenheit als drittes Element die Beziehungsbildung erschweren – Bindungsprobleme moderner urbaner Karrierefrauen.

Brigitte Ziob

Alpha-Girls oder Alpha-Frauen – ein aktuelles Schlagwort – das durch die Medien geprägt wurde, steht heute für eine neue Frauengeneration, zwischen 25 und 45 Jahre alt, deren zentrales Anliegen das selbstbestimmte Leben ist. Gut ausgebildet und leistungsstark und ausgestattet mit einem hohen Maß an Durchsetzungsvermögen, drängen sie in Bereiche, die bis heute noch vorwiegend von einer männlichen Elite besetzt sind. Diese Entwicklung basiert nicht zuletzt auf den Verdienst der Emanzipationsbewegung, die als politische Bewegung für Gleichberechtigung, Menschenwürde und Entscheidungsfreiheit von Frauen sowie deren Selbstbestimmung eintrat. Aber auch der medizinische Fortschritt ermöglichte die Abkopplung von Sexualität und Fortpflanzung. Seitdem steht Frausein nicht mehr allein für Mutterschaft. Dies alles hat zu Veränderungen der typischen Geschlechterrollen geführt und damit zu veränderten Beziehungs- und Familienformen, die den Frauen mehr Freiheiten im Lebensentwurf ermöglichen.
Dennoch ist eine Beobachtung in meiner psychoanalytischen Praxis, dass gerade die Liebesbeziehungen moderner erfolgreicher Frauen oft konfliktreich und vom Scheitern bedroht sind.
In den folgenden Überlegungen möchte ich anhand eines Fallbeispiels davon ausgehen, inwieweit die neuen gesellschaftlichen und beruflichen entwicklungsmöglichkeiten für Frauen in Konflikt geraten mit den inneren Repräsentationen von Weiblich und Männlich und in den Paarbeziehungen als eine Vermischung von neuen Rollenbildern und alten Geschlechtsrollenzuordnungen Irritationen erzeugen.

Vom „Genderwahnsinn“ bis zu „#Me Too“ – Geschlechterverhältnisse im zyklischen Wandel

Volker Münch

Im gesellschaftlichen und medialen Diskurs der vergangenen Jahre werden eine Vielzahl genderrelevanter Themen behandelt – von Transgenderfragen über die Ungleichbezahlung bis zur MeToo Debatte werden diese Themen zum Teil im Konsens, oft aber auch sehr kontrovers diskutiert. Es stellt sich die Frage, was in diesen Diskussionen aus psychoanalytischer Sicht eigentlich versucht wird (neu) zu verhandeln? Geht es implizit um einen gleichzeitig de-integrativen und re-integrativen (M. Fordham) seelischen Wandlungsprozess hin zu mehr innerer Diversität und Beweglichkeit der kollektiven/individuellen Anteile der Psyche? Welche Auswirkungen haben die Veränderungen auf unsere Praxis? Bereits die Sechziger Jahre warfen viele der derzeit diskutierten Fragen nach Gleichberechtigung auf mit zwar spürbaren und nachhaltigen Veränderungen, die aktuellen Diskurse zeigen aber, dass sich auf der inneren Ebene bei weitem nicht so viel getan hatte, wie man gewohnt war zu denken. Gesellschaftlicher und politischer Wandel kann dabei als verzahnt mit der Geschlechterdynamik interpretiert werden. Den Gedanken sollen sowohl klassisch analytische (Quindeau), archetypologische (J. Hillman) wie auch philosophische Modelle der Zyklizität (M. Maffesoli) im Hinblick auf individuelle und gesellschaftliche Wandlungsprozesse zugrunde gelegt werden.

„Insel im Sturm?“ – Wahrung der institutionellen Integrität in Zeiten politischen Wandels

Lisa Werthmann-Resch

Bricht in eine homogen scheinende Gruppe ein unerwarteter Dissens ein, drohen Konzepte des „Containing“ zu versagen. Die sich um die Wahrung innerer Maßstäbe mühende Gruppe wird von Spannungen bedroht. Das eigentlich als selbstverständlich erachtete Anliegen an Toleranz gerät in Widerspruch zu dem Wunsch,  unerträglich Scheinendes loszuwerden. Beides: das Halten-Wollen und auch das Loswerden-Wollen ruft Unverständnis hervor. Im  Prozess von stetiger Thematisierung und Benennung  liegt aber die Chance auf Annäherung an eine „depressive Position“.

* PV 2.1 – Inselhalle, Konferenzraum 7, EG
Forum Aus- und Weiterbildung
Moderation: Bundeskandidatensprecher

14:30 – 18:00 Uhr

Geschlecht – Identität – Entwicklung im Kontext der analytischen Ausbildung
Spannungsfelder psychoanalytischer Identitätsbildung in der Ausbildung

Michael Koenen

Wir möchten Euch einladen, in diesem Forum gemeinsam die Spannungen rund um die Geschlechts-Identätitsentwicklung in der Ausbildung zu reflektieren. Gibt es typische Eigenschaften männlicher und weiblicher Psychotherapeuten und Psychoanalytiker ? Welche Rolle spielt der Umgang mit eigenen weiblichen und männlichen Anteilen ? Ist Geschlecht etwas biologisch definiertes oder eine soziale Konstruktion - und welche Konsequenzen hat das für die Entwicklung der eigenen Identität und den Umgang mit Patienten in der Ausbildung?
Die erste Hälfte des Forums wird mit einem Vortrag durch Dr. Michael Koenen gestaltet, der über Identitätsentwicklung in der Ausbildung geforscht hat und gemeinsam mit Herrn Rupert Martin das Buch „Wege und Umwege zum Beruf des Psychotherapeuten - Entwicklungsprozesse psychotherapeutischer Identität“ geschrieben hat.
Der zweite Teil des Forums wird nach einem kurzen Input von uns in Begegnungen, Diskussion und Erfahrungsaustausch bestehen.

* PV 2.2 – Inselhalle, Konferenzraum 4, EG
Forschung
Moderation: Silke Wiegand-Grefe, Michael Buchholz

14:30 – 18:00 Uhr

Musikalische Strukturen des Gesprächs und ihre relationalen Implikationen

Michael B. Buchholz, Christopher Mahlstedt

Implementierung einer psychodynamischen familienbasierten Intervention für Familien mit psychisch kranken Eltern – erste Ergebnisse aus einem multizentrischen BMBF-geförderten Projekt

Marlit Sell, Silke Wiegand-Grefe

Rhythmische Anpassungsprozesse - Analysen einer Tanz-Theater-Aufführung und eines Interviews mit einer Holocaust-Überlebenden

Michael M. Dittmann, Florian Dreyer

Psychoanalytische Perspektiven auf religiöse Radikalisierung und jihadistische Gewalt. Ein Literaturreview als Brückenschlag zwischen Psychoanalyse und Gesellschaft

Kerstin Sischka

In der Geschichte der Psychoanalyse, verstärkt aber seit dem 11. September 2001, ringen Psychoanalytiker in vielen Ländern der Welt um ein tieferes Ver-stehen der globalen Konfliktlagen, die gegenwärtig auch in Europa als Katalysator für religiös-extremistische Radikalisierungsprozesse und terroristische Gewalt wirken. Der umfangreiche Fachdiskurs zeigt, dass sich Psychoanalytiker aus englisch-, französisch- und deutschsprachigen Ländern dieser Problematik mit unterschiedlichen Grundannahmen und theoretischen Konzepten nähern. Daher sollen einige Ergebnisse aus einem systematischen internationalen Literaturreview vorgetragen werden. Der Fokus liegt auf der Auseinandersetzung mit islamistischer Radikalisierung, der Hinwendung von jungen Menschen zur Idee des „Jihad“ und terroristischer Gewalt. Es werden zentrale psychoanalytische Überlegungen zur „radikalen Psyche“ aufgegriffen und Bezüge zur Adoleszenz, zu Idealität, Gruppendynamiken, Scham und Traumatisierungen hergestellt, aber auch zum apokalyptischen Denken, zu väterlicher Autorität, Sexualität und Ge-schlechterspannungen in terrorismus-affinen Gruppen. Ein besonderes Augen-merk liegt auf der Identifizierung von Kontroversen: Geht es bei terroristischer Gewalt beispielsweise um die Reaktion auf reale Traumata oder um ein intra-psychisches Streben nach einem paradiesischem Traum einer perfekten Welt? Auf dieser Grundlage wird versucht, einige Gedanken zu formulieren, wie die Psychoanalyse zur Prävention aktueller extremistischer Entwicklungen und Ge-waltdynamiken beitragen kann.

 

Sonntag, 23. September

Inselhalle
Saal 1 Europa
Moderation: Georg Schäfer

09:30 – 10:30 Uhr

Über das Mütterliche im Eigenen –
Weibliche Sexualität im Spannungsfeld von Perversion und Sinnlichkeit.

Sabine Cassel-Bähr

Dieser Vortrag wendet sich der „sexuellen Perversion der Frau“ zu, die über Jahrzehnte hinweg aus dem psychoanalytischen Diskurs weitgehend ausgeklammert war. Man hielt an einer Theorie der sexuellen Perversion fest, die entlang der männlichen Sexualität konzipiert war und eine perverse weibliche Entwicklung weder vorsah, noch abbildete. Ein völlig neues Konzept entwickelte erstmals die analytische Forensikerin Estela Welldon: sie verstand die weibliche Perversion vor allem als „Perverse Mütterlichkeit“, in der die reproduktiven Funktionen der Frau „fetischisiert“ werden. Vor dem Hintergrund ihrer Überlegungen und der „Wende“ in Freuds später Theorie der Weiblichkeit, soll ein genuin psychoanalytisches Verständnis weiblicher Entwicklung im Spannungsfeld von Perversion und Sinnlichkeit erarbeitet werden. Im Mittelpunkt der theoretischen Überlegungen stehen dabei die frühen Objekterfahrungen in ihrer nachträglichen, geschlechtsspezifischen Ausformung sowie die geschlechtlich asymmetrische Ausgestaltung des positiven und negativen Ödipuskomplexes. Klinische Relevanz und Aspekte „weiblicher Perversion“ sollen zudem anhand einer Fallgeschichte verdeutlicht werden.

10:30 – 11:00 Uhr

Pause

11:00 – 12:00 Uhr

Männliche Sexualität und Aggressivität

Hans-Geert Metzger

Männlichkeit ist nach wie vor als ein schwieriger, konfliktbesetzter Prozess zu verstehen und es fällt vielen Männern schwer, eine befriedigende Identität zu entwickeln. Männliche Identität entfaltet sich in einem gesellschaftlichen Spektrum, an deren einen Ende oft ein Generalverdacht des heterosexuellen Machtmissbrauchs steht und am Ende der Wunsch nach einer Rückkehr zu archaischen und gewaltsamen Formen der Macht. In diesem Umfeld suchen Männer Sexualität und Aggression in ein kohärentes Selbst zu integrieren. Klinische Beispiele illustrieren die Konflikte, die auf diesem Weg entstehen. Seitdem die psychosexuelle Entwicklung des Jungen nicht mehr mit der ödipalen Krise beginnt, können frühe Konfliktbereiche besser verstanden und die Verletzlichkeit des Jungen besser gewürdigt werden. Dies führt zu einem erweiterten Verständnis der späteren, genitalen Entwicklung, die - neben einer gelungenen Integration – auch zu einer phallisch-narzisstischen Überkompensation oder zur Verleugnung der Phallizität führen kann. So entsteht ein dichtes psychodynamisches Konzept, in dem Sexualität und Aggression ihren Platz finden.
Der Vortrag erkundet die Möglichkeiten einer Integration der Triebanteile zwischen emphatischer und dominanter Sexualität und zwischen destruktiver und sozialisierter Aggression und versucht, ein differenzierendes Konzept zu formulieren.

12:00 – 13:00 Uhr

Sexualität und Tango – ein Paar?

Susanne Rothmaler

Es wird der Frage nachgegangen, ob der argentinische Tango, der weltweit verbreitet und auch in Deutschland und bei nicht wenigen Psychotherapeuten sehr beliebt ist, ein sexueller Tanz ist. Beim Tango findet sich ein Paar in einer engen, intimen Umarmung zusammen. Wer Tango tanzt erfährt im nonverbalen Miteinander die Freude fein aufeinander bezogener Bewegungen, erfährt Lust, Begehren und Befriedigung. Anhand von Videoclips und Interviews aus der Berliner Tangoszene werden Berichte und Phantasien von erfahrenen Tänzern analysiert. Was sie erleben, wird mit den psychoanalytischen Konzepten der Primärbeziehung, der temporären Regression und der polymorph-perversen infantilen Sexualität interpretiert, wobei die infantile Sexualität als Grundlage der menschlichen Sexualität überhaupt verstanden wird, als eigene Strömung weiterwirkend in der im Lebensverlauf vielfach umgeschriebenen erwachsenen genitalen Sexualität . Denn „Tango ist Liebe“ ,wie ein alter argentinischer Satz lautet, oder „…Touch me, remind me who I am“ (Stanley Kunitz)

13:00 – 13:15 Uhr

Verabschiedung

Ingrid Moeslein-Teising

Im Anschluss:
Ausgabe der Zertifizierungen

Die Zertifizierung der Jahrestagung wurde als Fortbildungsveranstal tung gem. § 95 d SGB V bei der Bayerischen Psychotherapeutenkammer mit 12 Punkten beantragt.
Entsprechende Teilnahmebescheinigungen erhalten Sie am Ende der Tagung gegen Abgabe Ihres persönlichen Barcode-Aufklebers und/oder nach Eintragung in die Unterschriftenliste im Tagungsbüro.